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Ein besonderer Mensch

geschrieben von Baucis 
Ein besonderer Mensch
18. October 2014 22:02
Ich möchte einfach mal etwas loswerden: Ich bin kein besonderer Fan von Udo Jürgens' Musik, obwohl ich sein Können natürlich bewundere und mir einige seiner Chansons eine Gänsehaut den Rücken hinunterjagen, aber ich sehe mir jedes Interview mit ihm an, weil er ein so außergewöhnlich feiner, sensibler und kultivierter Mensch ist, wie es in jeder Ära nur sehr wenige gibt. Ihm in seiner Bescheidenheit und seiner Zurückhaltung, aber auch in seiner Lebensweisheit zuzuhören, treibt mir immer wieder Tränen in die Augen.
Re: Ein besonderer Mensch
20. October 2014 21:50
Zum 80. Geburtstag zum Glück keine Gala im heimischen Stil, so mit Bundespräsident, Blödeln, Ballett und Böllern.

Sondern eine richtige, US-Westcoast-angehauchte Tribute-Show mit gegenwärtigen Toptalenten. Genau das ist es, was Udo Jürgens gerecht wird. Alles andere wäre provinziell und viel zu bescheiden gewesen. Denn bei UJ muss man schon etwas dicker auftragen. Kein Problem, ihn mit den ganz Großen in dasselbe Licht zu schreiben. Festhalten, es geht los ...

Solche Shows gab es in den USA für verschiedene Giganten der Rockmusik, um deren Stellenwert und Verdienste angemessen zu würdigen. Zum Beipiel für Brian Wilson, den genialen, problembeladenen Kopf der Beach Boys. Damals, 2001. Ganz ähnlich wurde UJ in Freiburg auch gefeiert. Und auch hier bleibt im Nachgang ein erheblicher Euphorierausch.

Bleiben wir bei den Parallelen zwischen BW und UJ. Halbseitige Gehörschädigung, erhebliche Klavierbegabung, quälend langes, aber letztlich erfolgreiches Suchen nach der musikalischen Identität, unglaubliche Produktivität für sich und andere Künstler, Delegation des Textens auf Leute, die es besser können, und eine strikte Verankerung im jeweils heimischen Musikstil ist beiden gemeinsam. Bei UJ ist dies der deutsche Schlager im positivsten Sinne. Den verleugnet er nicht, warum auch, denn dort ist er zu Hause.

Und genau wie bei dem oben genannten Surfrockexperten versperrt die Verankerung in der leichten Muse manchmal den Blick auf das blanke Genie. Klimpert man auf dem Klavier die Refrainakkorde von „Love and Mercy“ oder „Your Imagination“ durch, entdeckt man verblüffende Parallelen zu „Mit 66 Jahren“ (welches das Älteste der genannten Werke ist). Ziehe ich mir wieder mal den legendären „Pet Sounds“-Schinken rein, dann muss danach meist reflexartig „Immer wieder geht die Sonne auf“ oder „Siebzehn Jahr“ folgen, denn der musikalische Ansatz ist ähnlich melodramatisch und weitaus mehr als einfache Unterhaltungsmusik. Nur eben nicht auf amerikanischem Grundrauschen basierend, sondern auf dem deutschen Schlager. „Ich war noch niemals in New York“ ist sein „California Girls“, „Griechischer Wein“ sein Mega-Ohrwurm à la „God Only Knows“.

Sein „Good Vibrations“ ist „Ich weiß was ich will“, ebenfalls eine vor musikalischen Einfällen nur so sprühende Knallkette von Höhepunkten, die auch nach 5:30 min keinen einzigen langweiligen Takt hat. Warum macht eigentlich keiner ein „Making Of...“-Album davon ? Und warum, zum Kuckuck, war die Nummer auf der Gala nicht zu hören ?

Der Unterschied zu BW ist, dass UJ nicht jahrelang in Drogensumpf und Nervenkrankheit versunken war, sondern den harten Anforderungen dieses Geschäfts charakterlich anscheinend stets gewachsen ist. Hut ab vor diesem Mann, denn er ist ein ganz Großer. Warum ist er kein absoluter Weltstar ? Wohl nur, weil der deutsche Schlager zufällig dem amerikanischen Rock 'n Roll in der weltweiten Beliebtheit nicht vergleichbar ist.

Schade eigentlich. Bleibt der deutschsprachige Raum, und dort ist er DER Megastar. Reicht ja auch. Sorry Udo, aber das musst du jetzt mal ertragen.

Ach ja, beinahe vergessen:

Baucis schrieb:
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> .... Ihm in seiner Bescheidenheit und seiner Zurückhaltung, aber auch in seiner Lebensweisheit
> zuzuhören, treibt mir immer wieder Tränen in die Augen.

Mir auch, und zwar bei beiden oben genannten Musikgenies.
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