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Konzert in Salzburg, 2. Dezember 2014

geschrieben von Bernd Warmuth 
Konzert in Salzburg, 2. Dezember 2014
09. December 2014 11:29
2. Dezember 2014, Salzburgarena. Da sind wir wieder. Gar nicht so lang her, das letzte Udo-Konzert hier. Gefühlt zumindest, wer hat meine Zeit gefunden? 18.30h, jetzt schon angeregtes Geplaudere vor der Halle. Die Spannung steigt, jedenfalls meine innere, denn von den zwei Eintrittskarten hat eine arg gelitten. 14 Monate im Schrank, da wird selbst die resistenteste Thermoschicht mürbe. Oder sie reagiert mit der bildgebenden Schicht eines alten Fotos, das ich irgendwann achtlos draufgelegt habe. Jetzt sind die beiden unzertrennlich. Wagt alles, denn nur der, der wagt, gewinnt. Von weitem macht der Kontrollor einen freundlichen Eindruck, das ist gut. Das Ticketsystem, völlig vernetzt, interessiert sich nur für den EAN-Code, und der ist ganz am Rand aufgedruckt und unbeschädigt. Wie schön, mein Schatz darf die Halle betreten, und ich auch.

Im Stimmengemurmel ortet man viele „Wiederholungstäter“, man ist mit den Ritualen vertraut. Eine große Fan-Familie, ein paar tausend Freunde seiner Musik kommen heute zu diesem Rendezvous. Wahre Freunde habe er nur 2 oder 3 in Salzburg, wird Udo später auf der Bühne sagen. Nur gefeiert, nicht geliebt? Die Halle füllt sich.

Kein Vorhang diesmal. Der technische Verantwortliche der O2-World in Berlin erzählt im Fernsehen, die Produktion von Udo Jürgens sei vergleichsweise eine kleine, nur 4 Sattelschlepper. Andere kommen mit 20. Wer nichts kann, braucht mehr Zeug, um das zu kaschieren. Ungerecht? Naja, vielleicht. Aber am Ende dieses Abends ist einmal mehr klar, in diesen Höhen der Live-Kunst ist die Luft dünn, da überleben nur wenige.
Punkt 19.30h rieseln sanfte Klaviertöne in die Halle, das Potpourri neuer und unsterblicher Lieder, von Udo sanft am Flügel intoniert, nur an-, nicht ausgespielt, die Aufnahme ist auch in der Vorweihnachtszeit unverkäuflich, gut geschützt vor dem Zugriff der Fans. Auch diesmal führt der Klangteppich 35 Minuten lang subtil zum Show-Opener. Eine große Weltkugel erscheint auf dem überdimensionalen LED-Display. Ganz schön hell, das Ding. „Die Welt braucht Lieder“.

Eine gut gemachte 3D-Animation führt von Udos Geburtsort Klagenfurt rund um eben diese bedürftige Welt, der Meister selbst bleibt dabei verborgen, singt aus dem Off oder wird zugespielt, egal. Die virtuelle Reise endet in Salzburg, Udo betritt die Bühne, der Jubel kennt keine Grenzen. Standing Ovations. Dieses Jahr hab ich ihn oft gesehen im Fernsehen, oft gesucht auf YouTube, oft gehört auf Spotify, und nun steht er da, leibhaftig, nur 13 Reihen zwischen mir und ihm. Seine Ausstrahlung strömt augenblicklich in die ganze Halle, niemand kann sich der Faszination entziehen, die von diesem Mann ausgeht, nicht mal die oft zitierten „Mitgeschleppten“.

In unserer oberflächlichen Erfahrungswelt ist einer mit 80 Lenzen am Buckel ein alter Mann, gebrechlich wahrscheinlich und auch geistig wohl nicht mehr ganz auf der Höhe. Singen soll der wohl besser nicht, auch Weltanschauung und Urteilsvermögen könnten trüblich wirken. Auf dieser Bühne: die Antithese. Energiegeladen und gut gelaunt spielt Udo die erste Konzerthälfte, erzählt Persönliches, verliert aber zu keinem Zeitpunkt den Respekt vor diesem großen Publikum oder vor seiner Aufgabe hier. Der Showprofi, der mehr Erfahrung auf der Bühne hat als die meisten seiner Kollegen, führt die Pepe Lienhard-Band, deren begnadete Solisten und sich selbst souverän durch den Abend.

Der erste und der zweite Teil eines Udo-Konzerts unterscheiden sich grundlegend. Udo kokettiert mit diversen Zeitungskritiken, denen zufolge er im ersten Teil „noch nicht so richtig überzeugen konnte“. Den Schreiberlingen solcher Zeilen attestiert er schmunzelnd, die Show nicht richtig verstanden zu haben. Er sei froh, nach wie vor Ideen für und Lust auf neue Lieder zu haben, denn als reiner Party-Act wolle er keinesfalls verstanden werden. Und so wird der Teil vor der Pause zum Abbild der musikalischen Gegenwart, versetzt mit Perlen aus den ersten Hälften aus längst verklungener Tourneen.

Meine persönlichen Highlights: „Der gläserne Mensch“, „Alles aus Liebe“, das unbeschreiblich schöne „I Can – I Will“ mit dem ebenso unbeschreiblichen Energiebündel Dorothea Lorraine, und „Der gekaufte Drachen“. Der Klassiker hat einen nahezu festen Platz auf Udos Setlist, und trotzdem berührt er immer wieder von neuem. Diesmal umso mehr, als ich ein paar Tage vor dem Konzert mit meinem Sohn (11) auf einer Wiese stand und den Bumerang ausprobierte, den er im Werkunterricht selbst gebaut hatte.
„Die Krone der Schöpfung“ setzt dem ersten Teil die Krone auf, eine Meisterleistung von Udo, den Solisten und der gesamten Band. Wer mal ein wenig Zeit hat, in YouTube zu stöbern, möge sich die Version von 1999 ansehen, welche Udo im Rahmen von „Michael Jackson & Friends“ im Münchener Olympiastadion gespielt hat.

„Die Krone der Schöpfung“ verklingt, alle gehen geflashed in die Pause. Die Gänge der Salzburgarena erinnern an einen Ameisenhaufen, hoch emotionalisiert wuseln Damen und Herren, Jugendliche und ältere Semester, treue Fans und musikalische Neuankömmlinge, durchs Haus. Fernsehteams sammeln O-Töne ein, Sekt und Mineralwasser fließen in Strömen, auf der Bühne lässt sich Udos schwarzer Schimmel-Flügel samt LED-Lichtleiste geduldig auf Handy-Fotos verewigen.

Der zweite Teil des Konzerts beginnt mit dem „Hautnah“-Opener. Für mich ein besonderer Moment, denn mit „Hautnah“ begann meine Liebe zu Udos Musik. Berührende Töne und nachdenkliche Worte auf Schallplatte, so groß, so schwarz und so empfindlich. Damals, 1984, wollt ich erwachsen sein, hätt ich jetzt fast gesagt, naja, 14 war ich immerhin schon, und Udo feierte seinen 50er. Ein „midlife-greiser Tatterich“ kommt auf diesem Album vor, und schon damals ruft er „Ohne mich!“ Drei Jahrzehnte später, mit 80, steht derselbe Udo Jürgens auf der Bühne, und man vermutet wirklich, die Menschheit sei ohne ihn gealtert.

„Ich würd es wieder tun“, ja, das glaubt man ihm auch, und noch während des Liedes denke ich darüber nach, ob ich das von mir auch behaupten könnte. Größtenteils bestimmt, den einen oder anderen Blödsinn kann man auslassen, ohne das Gesamtbild zu beeinträchtigen. „Der Mann ist das Problem“ schließt gedanklich irgendwie an das „Weichei“ an, viele Damen im Saal schmunzeln vielsagend. Den nun bevorstehenden Bühnensturm kann und will man nicht verhindern – aber hinauszögern. „Lasst uns vorher noch zwei Lieder spielen“. Eine Neuauflage des Dauerkonflikts mit den Konzertbesuchern in den ersten Reihen scheint vorerst verhindert.

Diese zwei Lieder haben es in sich. „Tausend Jahre sind ein Tag“, für mich ein musikalischer Schatz, seit der große Josef Meinrad durch die Zeichentrick-Serie „Es war einmal der Mensch“ geführt hatte. Und das erweiterte „Ich war noch niemals in New York“. Udo und Dorothea wecken Erinnerungen an den unvergleichlichen Stevie Woods, der noch auf der letzten Tournee an dieser Stelle brilliert hatte und Anfang 2014 unerwartet verstarb.
Diszipliniert hatten die Konzertbesucher Udos Bitte erfüllt, dafür dauert es jetzt nur wenige Sekunden, bis keine Maus mehr vor der Bühne Platz hat. Aus dem Party-Teil sticht die nachdenklich-getragene Fassung von „Griechischer Wein“ heraus, die bereits in der „Open Air Symphony“ von 1991 ein Highlight war. Sehr gut gefallen hat mir übrigens auch die Version von Christina Stürmer, gesungen im Rahmen der großen ZDF-Gala zu Udos 80. Geburtstag.

Der Abend nähert sich seinem vorherbestimmten Ende, im Bademantel und diesmal sogar in Alltags-Klamotten, Jeans und Hemd. „Zehn nach elf“ thematisiert die Einsamkeit nach dem Applaus, die Udo in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mal angesprochen hat. Wir, die wir keine umjubelten Stars sind, können die Intensität dieses Gefühls lediglich erahnen und vermuten, dass man sich nach einem derart intensiven Abend tatsächlich verlassen vorkommen muss, wenn man direkt von der Bühne ins Auto steigt und weggefahren wird. Und offensichtlich gewöhnt man sich auch nicht daran.
Möglicherweise hat aber auch der Konzertbesucher ein ähnliches Gefühl. Eben war da noch eine Verbindung mit Udo, hat man sich über Noten und Texte identifiziert mit diesem Menschen, der da auf der Bühne so viel von sich preisgibt. Augenblicke später ist er weg und auch nicht mehr greifbar, man würde gern etwas mit ihm trinken, sich austauschen, auch mal anrufen oder sich treffen. Ausgeschlossen ist das, und so streifen auf beiden Seiten des Vorhangs die eisigen Flügel des Engels der Melancholie.
Re: Konzert in Salzburg, 2. Dezember 2014
10. December 2014 13:24
SUPER WIDERGEGEBEN !!!

MAN LEBT FÖRMLICH MIT !!

NACH BADEN - BADEN FREUE ICH MICH BEREITS HEUTE AUF STUTTGART IM MÄRZ !!!

NOCHMALS DANKE

GRUSS WOLFGANG
Re: Konzert in Salzburg, 2. Dezember 2014
12. December 2014 14:25
Hallo Bernd,

danke für Ihren ausführlichen, witzigen und authentischen Bericht .
Ich war selbst anwesend und kann dies nur bestätigen.
Ein großes Kompliment an die Fans in Salzburg, die Udo Jürgens Bitte, erst nach dem 4. Lied zu stürmen, nachgekommen sind.
Dies war in _Wien leider anders.
Dieser Bitte Folge zu leisten , ist meines Erachtens auch eine Wertschätzung Herrn Jürgens gegenüber.
Also nach einmal ein DANKESCHÖN für diesen beeindruckenden Konzertbericht.

Beste Grüße
Elli Meessen
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